Der zerbrochne Krug
Heinrich von Kleists berühmte Gerichtskomödie zeigt in der Inszenierung des LTT eine Welt, die gleichzeitig komisch, grausam und erschreckend aktuell wirkt. Dorfrichter Adam soll den nächtlichen Vorfall in der Kammer der jungen Eve aufklären – eine angebliche Liebesintrige, ein zerbrochener Krug, ein beschädigtes Familienglück. Doch je weiter die Verhandlung voranschreitet, desto klarer wird: Der Richter sitzt über sich selbst zu Gericht. Richter Adam hat den Übergriff begangen, den er nun mit allen Mitteln zu vertuschen versucht, und verstrickt sich dabei immer tiefer in Ausreden, Drohungen und Lügen.
Regisseur Alexander Marusch wählt die selten gespielte Variant-Fassung Kleists, in der Eve am Ende selbst zu Wort kommt. Ihre Aussage rückt den Kern des Stücks unerbittlich ins Licht: die Erfahrung sexualisierter Gewalt und eine Dorfgemeinschaft, die lieber über Scherben streitet als einer jungen Frau beizustehen. Auch Gerichtsrätin Walter, in dieser Inszenierung eine Frau, ist Teil eines Systems, das Macht vor den Menschen stellt. So zeigt das Landestheater Tübingen mit scharfem Blick, wie ein patriarchales Gefüge Täter deckt und Opfer erneut verstummen lässt – damals wie heute.
Cornelia Stephans Bühne stellt einen vertrauten Dorfplatz dar, der gleichzeitig Gemeinderatssaal, Gerichtsort und Schauplatz bedrängender Intimitäten wird. Die Figuren bleiben fast immer sichtbar auf der Bühne – ein klares Zeichen dafür, dass niemand im Dorf wirklich unschuldig oder unbeteiligt ist. Zwischen Humor und Tragik entfaltet sich so ein Stück, das die Mechanismen von Macht, Voyeurismus und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit bloßlegt.
Fotos © Tobias Metz
27 / 23 € / U25 10 €
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